Erlebnisraum Kanu&Floß
Mit dem Erlebnisraum Kanu & Floß wird dem Bedürfnis junger Menschen, die sich körperlich und geistig in außergewöhnlichen, spannenden und riskanten Situationen erleben wollen, in allgemeiner und besonderer Weise entsprochen. Auch Teamerfahrung, -fähigkeit, Kooperation und Zusammenhalt werden hier in besonderer Art angesprochen.
Die gemeinsam geplante und vorbereitete Fluss-Wanderung ist als befristetes Zurücklassen des Alltags, als ein geplanter, vorübergehender Milieuwechsel zu verstehen. Hierbei sind Selbsterfahrung und Gemeinschaftserfahrung in einer außergewöhnlichen Umgebung besser möglich als im täglichen Leben. Das Spektakuläre, die Extremsituation steht dabei nicht im Vordergrund, vielmehr geht es um "Alltag erleben im Spektakulären".
Spezifisches an einer Kanu- bzw. Floßtour
„Nasserfahrung" als Sinneserfahrung
Aspekt des Natur- und Umweltschutzes
Wirkungen beim Kanu- bzw. Floßfahren
Spezifisches an einer Kanu- bzw. Floßtour
Eine Kanu- oder
Floßtour kann sowohl ein eintägiges als auch mehrtägiges
„Erlebnis" sein. Im Vordergrund steht hier das Leben im, auf und am Wasser.
Besonders geeignet sind hierfür natürlich Flüsse mit wenig
Verbauungen, natürlichem Flussbett und fernab der Zivilisation. Dass dies in
unseren Breiten kaum zu finden ist, muss hier bewusst sein, dennoch gibt es
einige schöne Wanderflüsse, auf denen derartige Aktionen gut
durchführbar sind.
Dabei ist der Weg auf einem Fluss ein Vordringen in eine meist unbekannte
Landschaft aus einem anderen Blickwinkel, der intensive Erfahrungen in
unterschiedlichen Bereichen ermöglicht.
Zum einen ermöglicht hier die Natur selbst
- Wahrnehmung von Natur, die unmittelbar sanktioniert und belohnt.
- den intensiven Umgang mit ursprünglichen Elementen wie Feuer, Wasser Erde...
- ein Schrumpfen der Erlebniswelt die Sichtweite bis zur nächsten Biegung.
- eine aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen einer teilweise unerschlossenen Natur.
- die Erprobung neuer, veränderter Verhaltensansätze in einem im Vergleich zum Alltag sanktionsentlasteteren Bewährungsfeld.
- Erfahrung mit Umwelt und Naturschutz.
Zum anderen bietet das Element Wasser Möglichkeiten der psychischen und physischen Selbsterfahrung, wie
- Erfahrung der eigenen Körperlichkeit, körperlichen Leistungsfähigkeit und körperlichen Grenzen
- eine psychische wie physische Unmittelbarkeit des Erlebens, die dem Einzelnen wenig Maske ermöglicht.
- Stärkung des Selbstvertrauens durch neue Körpererfahrungen.
- die Möglichkeit der ganzheitlichen Sinneserfahrung
Darüber hinaus bietet der Bereich Kanu & Floß in hervorragender Weise die Möglichkeit, neue Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten in einer konstanten Bezugsgruppe zu erproben.
Dabei
- schafft die gemeinsame Bewältigung von besonderen Situationen neue Beziehungen zwischen dem Jugendlichen selbst und den Erwachsenen.
- müssen Konfliktsituationen ausgehalten werden, da kaum Flucht- oder Distanzierungsmöglichkeiten bestehen.
- lernen die jungen Menschen die Übernahme sozialer Verantwortlichkeiten.
- vermittelt die Gruppe Sicherheit und Geborgenheit in ungewohnter Umgebung.
Die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für andere ist
gefordert. In extremen Situationen wird die Selbsteinschätzung und
Leistungsfähigkeit erprobt. Das Risiko muss hierbei allerdings immer
kalkulierbar sein und die Schwierigkeiten sollten sich am Leistungsniveau der
Gruppe orientieren. Dies erfordert vom Leiter einer Kanu- oder Floßtour
neben pädagogischem Geschick und Grundwissen sowie absoluter fachlicher
Kompetenz und Autorität eine genaue Kenntnis der Leistungs- und
Verhaltensmöglichkeiten einzelner Gruppenmitglieder.
"Nasserfahrung" ist
Sinneserfahrung
Das Element Wasser stellt im Allgemeinen für teilnehmende Jugendliche nichts Neues dar. Nur die Art der Fortbewegung auf und nicht im Wasser (wobei natürlich die Bewegung im Wasser nicht zu kurz kommen darf) ist für viele ein Novum und Reiz genug, um sich selbst auszuprobieren. So wird z.B. die „Folgewahrnehmung" bzw. das Abstrakte Denken in besonderer Weise angesprochen. Wie verhält sich ein Kanu oder Floß wenn welche Aktionen ausgeführt werden? Wie kann ich auf schwierige Stellen reagieren, bei denen durch Unachtsamkeit das Material und evtl. auch Teilnehmer „verloren" gehen können? Wasser bekommt als „Freund" (es trägt uns und unsere Ausrüstung) als auch als „Feind" (es zerstört Ausrüstung, ist unangenehm je nach Außentemperatur etc...) eine neue Bedeutung.
Aspekt des Natur- und
Umweltschutzes
Flüsse und Seen
sind schon lang keine unberührten Biotope mehr - und sollten sie dies noch
sein, sollte man sein Boot hier nicht einsetzen! Dennoch gibt es sowohl im
Wasser, als auch auf dem Wasser und an den Ufern genug schützenswertes zu
entdecken. Biber, Bisamratten, Welse... Tiere, die für den normalen
Stadtmenschen eher unbekannt sind, können in ihrer Heimat beobachtet und
ggf. auch dokumentiert werden.
Zu beachten ist, dass Biberdämme großräumig zu umfahren sind, und
schon gar nicht betreten werden dürfen. Auch Pflanzen, die unter Naturschutz
stehen und eher seltener zu finden sind, bedürfen unserer Achtsamkeit.
Hier kann die Gruppe sensibilisiert werden, wenn sie aufmerksam von einem
kundigen geführt wird. Unberührte Schönheit auch wieder
unberührt zu hinterlassen, sollte im Normalfall das höchste Ziel sein.
Wirkungen beim Kanu-
& Floßfahren
Kanu- oder
Floßfahren ist ein individuelles Erlebnis. Es ermöglicht dem Einzelnen
in abenteuerlicher Umgebung handelnd nicht geahnte Erfahrungen zu machen, sich in
einem sanktionsentlasteteren Umfeld auszuprobieren. Dieses "Probieren" stellt
für den Teilnehmer jeweils neu ein Wagnis dar, da der Ausgang auf Grund des
Neuartigen und Fremden offen ist.
Die Erfahrung, nun nicht vor unbekannten Anforderungen auszuweichen und zu
kneifen, sondern an ihrem Ausgang offene Situationen heranzugehen und mutig
durchzustehen, dabei eigene Grenzen und Möglichkeiten zu erkennen und zu
erfahren, sich im Wagnis zu bewähren, führt bei vielen Jugendlichen
über den Stolz auf die eigene Leistung und positive Könnenserfahrung zu
größerer Selbstsicherheit und einem umgreifenderen Gefühl des
Selbstvertrauens. Plötzliche Veränderung der
Witterungsverhältnisse, unüberwindbare Hindernisse, sich
verjüngende Passagen und verwachsene Flussabschnitte vermitteln direkt das
Gefühl, doch nicht alles machen und erreichen zu können, verlangen
Enttäuschungen zu ertragen oder nach einer natürlichen
Zielveränderung und helfen so zu einem realistischen Selbstbild.
In der außergewöhnlichen Umgebung erfährt der Jugendliche
über seine Unsicherheiten und Ängste eine Korrektur des Selbstbildes.
So kann eine vorhandene Selbstüberschätzung, durch körperliche und
geistige Grenzerfahrungen korrigiert und reflektiert werden. Umgekehrt
stärkt die Überwindung von Unsicherheit und Angst das
Selbstwertgefühl und der Jugendliche lernt, bisher unbekannte
Möglichkeiten für sich zu erschließen.
Neben dem individuellen Erleben und Handeln ist das Gemeinschaftserlebnis von
Bedeutung. die Gruppe hilft dem Einzelnen. Jeder lernt so sich selbst und andere
besser kennen, lernt eigene Verhaltensweisen zu reflektieren sowie andere
realistischer und toleranter zu sehen. Im Beobachten des anderen relativiert sich
die eigene Unsicherheit; z.B. bleibt beim langsamen Vorwärtskommen
genügend Zeit, das eigene Erlebnis mit dem Verhalten und der Reaktion der
anderen Teilnehmer zu vergleichen. In der unmittelbaren Selbsterfahrung und der
Erfahrung mit dem anderen wird solidarisches und kooperatives Verhalten
gefordert.
Flucht ist nur schwer möglich. Der Einzelne ist in die Gruppe eingebunden
bzw. „sitzt mit den anderen in einem Boot" und kann sich diesen
Anforderungen nicht entziehen. Die Gruppe gibt dafür Sicherheit und
ermöglicht das Weiterkommen. Hier lernt der Jugendliche Verhaltensweisen,
die ihm beim Aufbau sozialer Bindungen hilfreich sein können und die auf
Grund einer abenteuerlichen Situation leichter vermittelbar sind. Flusswandern
ist Handeln und Erleben in der direkten Aktion.
Daher ist es besonders wichtig, die Erlebnisse und im Zusammenhang mit einer
Flusswanderung auftauchenden Probleme im Sinne eines Life-in-Space-Interview
direkt zur Sprache zu bringen, um die authentischen Erfahrungsmöglichkeiten
in der abenteuerlichen Situation unmittelbar ganzheitlich zu nutzen.
(Back-to-Life-Transfer) Die Möglichkeit des
Rückzugs und des zeitweiligen Alleinseins in Ruhepausen sind darüber
hinaus gute Bedingungen, sich allein oder gemeinsam zu erinnern bzw. an Kommendes
zu denken sowie eigenen Gefühlen nachzugehen, Erlebnisse, die in unserem
hektischen Alltag oft zu kurz kommen.
Das gemeinsame
Erlebnis einer Kanu- oder Floßtour hat Auswirkungen auf die strukturellen
und pädagogischen Gegebenheiten im Alltag, die aufgegriffen werden
müssen. Ohne diese Transfermöglichkeiten wären die
erlebnispädagogischen Erfahrungen reiner Selbstzeck. Vielmehr geht um den
Transfer neuer Einsichten, Erkenntnisse und Verhaltensansätze vom
Erlebnisraum Kanu & Floß in den Lebensalltag. Zum Beispiel werden nach
Studien demokratische Meinungsbildungsprozesse, das Anerkennen einer fachlichen
Autorität, die Übernahme von Verantwortung für sich und andere,
das Akzeptieren von Regeln für Jugendliche im Alltag, aber auch die
Notwendigkeit, Regeln neu auszuhandeln, leichter nachvollziehbar.
Die anschließende Reflexion der Erlebnisse im Einzelgespräch bzw. in
reflexiver Gruppenarbeit ist daher unbedingt erforderlich. Dokumentierte
Erlebnisse wie Zeichnungen, Dias, Tagesprotokolle sind hilfreiche methodische
Mittel. In Gruppenbesprechungen lassen sich Themen wie - wie liegen die
Unterschiede zwischen einem Leben auf dem Wasser und z.B. in der
Wohngruppe; warum bestehen solche Differenzen; Möglichkeiten und Grenzen der
Übertragbarkeit der Flusswanderung auf den Alltag, usw. besprechen. (siehe
auch Tipps und Planung)
Quelle: "Erlebnispädagogik in der sozialen Arbeit" - Hans G. Bauer / Arbeitsmaterialien zur Erlebnispädagogik ev. FA für Sozialpädagogik Augsburg - Rolf Reithmeier