Erlebnisraum Höhle
Mit dem Erlebnisraum Höhle wird dem Bedürfnis junger Menschen, die sich körperlich und geistig in außergewöhnlichen und riskanten Situationen erleben wollen, in allgemeiner und besonderer Weise entsprochen.
Die gemeinsam
geplante und vorbereitete Wanderung ist als befristetes Zurücklassen des
Alltags, als ein geplanter, vorübergehender Milieuwechsel zu verstehen.
Hierbei sind Selbsterfahrung und Gemeinschaftserfahrung in einer
außergewöhnlichen Umgebung besser möglich als im täglichen
Leben. Das Spektakuläre, die Extremsituation steht dabei nicht im
Vordergrund, vielmehr geht es um "Alltag erleben im
Spektakulären"
Spezifisches an einer Höhlenwanderung
Höhlenerfahrung ist Sinneserfahrung
Aspekt des Natur- und Umweltschutzes
Spezifisches an einer
Höhlenwanderung
Mit einem Besuch
in einer Höhle meine ich nicht den Besuch von Schauhöhlen oder
Ausflüge in touristisch erschlossene Höhlen ohne technische
Schwierigkeiten, sondern mehrtägige Ausflüge oder Freizeiten mit
Expeditionscharakter.
Dabei ist der Weg in die Höhle ein Vordringen in eine neue und unbekannte
Welt, die intensive Erfahrungen in unterschiedlichen Bereichen
ermöglicht.
Zum einen ermöglicht die Höhle selbst
- Wahrnehmung von Natur, die unmittelbar sanktioniert und belohnt.
- den intensiven Umgamg mit ursprünglichen Elementen wie Feuer, Wasser, Erde...
- ein Schrumpfen der Erlebniswelt auf das Geschehen in ihr.
- eine aktive Auseinandersetzung mit den Herausforderungen einer teilweise unerschlossenen Natur.
- die Erprobung neuer, veränderter Verhaltensansätze in einem im Vergleich zum Alltag sanktions- entlasteteren Bewährungsfeld.
- Erfahrung mit Umwelt und Naturschutz.
Zum anderen bietet sie Möglichkeiten der psychischen und physischen Selbsterfahrung, wie
- Erfahrung der eigenen Körperlichkeit, körperlichen Leistungsfähigkeit und körperlichen Grenzen
- eine psychische wie physische Unmittelbarkeit des Erlebens, die dem Einzelnen wenig Maske ermöglicht.
- Stärkung des Selbstvertrauens durch neue Körpererfahrungen.
- die Möglichkeit der ganzheitlichen Sinneserfahrung (nass, kalt, matschig, unangenehm, angenehm...)
Darüber hinaus bietet die Höhle in hervorragender Weise die Möglichkeit, neue Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten in einer konstanten Bezugsgruppe zu erproben. Dabei
- schafft die gemeinsame Bewältigung von besonderen Situationen sowie neue Beziehungen zwischen dem Jugendlichen selbst und den Erwachsenen.
- müssen Konfliktsituationen ausgehalten werden, da kaum Flucht- oder Distanzierungsmöglichkeiten bestehen.
- lernen die jungen Menschen die Übernahme sozialer Verantwortlichkeiten.
- vermittelt die Gruppe Sicherheit und Geborgenheit in ungewohnter Umgebung.
Das Bedürnis
nach Neuem, nach Unbekanntem und evtl. auch einem gewissen Gruselfaktor wird bei
einer Höhlenwanderung erfüllt. Der zum Teil enge und geschlossene Raum
verunsichert ebenso wie die fehlende Orientierung und die unvorhergesehenen
Hindernisse, wie Klüfte und Steilwände oder auch sehr enge Schlufe. In
dieser unbekannten, fremden Welt vermittelt die Gruppe ein Gefühl der
Sicherheit und Vertrautheit. Der Vordermann gibt z.B. hilfreiche Hinweise zur
Bewältigung der schwierigen Passage und der Hintermann sorgt für
ausreichend Licht.
Die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für andere ist
gefordert. In extremen Situationen wird die Selbsteinschätzung und
Leistungsfähigkeit erprobt. Dabei gibt die Einrichtung von
Geländerseilen und Halbmastwurfsicherungen an gefährlichen Stellen
zusätzlich die notwendige Sicherheit. Das Risiko muss hierbei allerdings
immer kalkulierbar sein und die Schwierigkeiten sollten sich am Leistungsniveau
der Gruppe orientieren. Dies erfordert vom Leiter der Höhlentour neben
pädagogischem Geschick und Grundwissen sowie absoluter fachlicher Kompetenz
und Autorität eine genaue Kenntnis der Leistungs- und
Verhaltensmöglichkeiten einzelner Gruppenmitglieder.
Mit Hilfe technischer Sicherungsmethoden, wie sie auch beim Klettern oder
Bergsteigen üblich sind, werden Gefahrenstellen überwunden. Die
Seilsicherung hilft dem Einzelnen dabei, seine Unsicherheit zu meistern.
Gleichzeitig erfährt er das Vertrauen zu seinen Begleitern und lernt, sich
an die Umwelt, die Materialien, Geräte und Hindernisse anzupassen und die
Umwelt handelnd an sich anzupassen. Unsicherheit und Ängste können
überwunden und Ich-Kompetenz aufgebaut werden. Alleine bleibe ich stecken -
gemeinsam geht es weiter. Das aktive Tun und das Gefühl der Gemeinschaft
stärken einerseits die Selbstsicherheit, andererseits wird
Selbstüberschätzung relativiert.
Höhlenerfahrung ist
Sinneserfahrung
Der in normalem
Alltag dominante Sehsinn wird in der Höhle abhängig von einer
künstlichen Lichtquelle, die dorthin mitgenommen werden muss. Eine
Lichtquelle gibt die weitaus größte Sicherheit und
Orientierunsfähigkeit. Fällt diese Lichtquelle aus, werden andere
Sinneswahrnehmungen wie Geräusche, Luftströmungen, Gerüche und
Temperatur zur Orientierung herangezogen. Druck-, Berührungs- und
Gleichgewichtssinn, die insbesondere bei Kletter- und Kriechpassagen gefordert
sind, werden verstärkt zu Hilfsmitteln der Orientierung. Solche Szenarien
können in dafür geeigneten Höhlen geschaffen werden, um diese
Bereiche zur Geltung zu bringen.
In der Höhle herrscht eine gleichbleibende Temperatur (ca. 5-8°Celsius),
die Luft ist kühl und staubfrei (ideal für Asthmatiker !!), ein
reizfreies, tiefes Atmen ist möglich. Unterirdische Wasserläufe,
kleine, klare Wassergumpen und herabtropfendes Sickerwasser überraschen als
schmackhafte Trinkquelle. Vorsicht: In der Nähe von Dörfern oder
Gehöften ist Vorsicht geboten - das Wasser kann schmutzig sein !!!!
Aspekt des Natur- und
Umweltschutzes
Grundsätzlich
ist jede natürliche Erweiterung ins Erdinnere oder im Erdinneren ein Biotop,
welches sich seit Jahrtausenden in nahezu ungestörtem Zustand befindet. Die
unverständliche Angewohnheit, Erdöffnungen als Müllgrube zu
benutzen, is leider immer noch anzutreffen, obwohl die meisten Höhlen
bereits als Naturdenkmal geschützt sind.
Als Höhlenbegeher sollte man wissen und realisieren, dass man nur
kurzzeitiger Besucher in einer urzeitlichen Umgebung ist. dieser Umstand verlangt
rücksichtsvolles und verantwortungsvolles Verhalten. Abfälle jeglicher
Art, insbesondere verbrauchte Batterien und Karbidreste müssen unbedingt aus
der Höhle hinausgebracht werden.
Tropfsteine in unterschiedlichen Formen, hängende Sinter und Stalaktiten,
emporwachsende Stalagmiten, manchmal als Säulen oder steinerne Vorhänge
zusammengewachsen, dürfen auf keinen Fall zerstört oder beschädigt
werden. Als Souvenirs sind sie unbrauchbar, da sie nur in der Höhle selbst
ihre reizvolle Wirkung haben. Zudem kann deren Entfernung oder Beschädigung
als Sachbeschädigung an Landes- oder Staatsbesitz strafrechtlich verfolgt
werden.
Erinnerungen werden nur mit dem Fotoapparat festgehalten oder im Gedächtnis
mit hinausgenommen. Auch die unschöne Art, Initialen oder Besuchsdatum zu
hinterlassen, muss in einer Höhle unterbleiben !
In den meisten Höhlen können wir mit einiger Aufmerksamkeit Tiere
beobachten, die sich in das Dunkel zurückgezogen haben oder teilweise im
Dunkeln leben. Sogenannte Lehmwürmer hinterlassen Spuren im schlammigen
Höhlengrund, einige Insektenarten benutzen die Höhlenwände als ihr
Domizil. Insbesondere selten gewordene Fledermäuse, die oft in Höhlen
überwintern, stehen unter Naturschutz !!! Damit diese geschützten und
seltenen Tiere ihren Winterschlaf ungestört beenden können, sollten
Höhlen zwischen Oktober und Mai nicht besucht werden !
Hier kann die Gruppe sensibilisiert werden, wenn sie aufmerksam von einem
kundigen Führer durch das unterirdische Labyrint geführt wird.
Unberührte Schönheit auch wieder unberührt zu hinterlassen, sollte
im Normalfall das höchste Ziel sein.
Höhlenforschen ist ein individuelles Erlebnis. Es ermöglicht
dem Einzelnen in abenteuerlicher Umgebung handelnd nicht geahnte Erfahrungen zu
machen, sich in einem sanktionsentlasteteren Umfeld auszuprobieren. Dieses
"Probieren" stellt für den Teilnehmer jeweils neu ein Wagnis dar, da der
Ausgang auf Grund des Neuartigen und Fremden offen ist.
Die Erfahrung, nun nicht vor unbekannten Anforderungen auszuweichen und zu
kneifen, sondern an ihrem Ausgang offene Situationen heranzugehen und mutig
durchzustehen, dabei eigene Grenzen und Möglichkeiten zu erkennen und zu
erfahren, sich im Wagnis zu bewähren, führt bei vielen Jugendlichen
über den Stolz auf die eigene Leistung und positive Könnenserfahrung zu
größerer Selbstsicherheit und einem umgreifenderen Gefühl des
Selbstvertrauens. Plötzliche Veränderung der
Witterungsverhältnisse, undurchsteigbare Aufstiege, sich verjüngende
Kriechpassagen und Schlufe vermitteln direkt das Gefühl, doch nicht alles
machen und erreichen zu können, verlangen Enttäuschungen zu ertragen
oder nach einer natürlichen Zielveränderung und helfen so zu einem
realistischen Selbstbild.
In der außergewöhnlichen Umgebung einer Höhle erfährt der
Jugendliche über seine Unsicherheiten und Ängste eine Korrektur des
Selbstbildes. So kann eine vorhandene Selbstüberschätzung, durch
körperliche und geistige Grenzerfahrungen korrigiert und reflektiert werden.
Umgekehrt stärkt die Überwindung von Unsicherheit und Angst das
Selbstwertgefühl und der Jugendliche lernt, bisher unbekannte
Möglichkeiten für sich zu erschließen.
Neben dem individuellen Erleben und Handeln ist das Gemeinschaftserlebnis von
Bedeutung. die Gruppe hilft dem Einzelnen, der Vordermann dem Hintermann und
umgekehrt. Jeder lernt so sich selbst und andere besser kennen, lernt eigene
Verhaltensweisen zu reflektieren sowie andere realistischer und toleranter zu
sehen. Im Beobachten des anderen relativiert sich die eigene Unsicherheit; z.B.
bleibt beim langsamen Vorwärtskommen genügend Zeit, das eigene Erlebnis
mit dem Verhalten und der Reaktion der anderen Teilnehmer zu vergleichen. In der
unmittelbaren Selbsterfahrung und der Erfahrung mit dem anderen wird
solidarisches und kooperatives Verhalten gefordert.
Flucht ist nur
schwer möglich. Der Einzelne ist in die Gruppe eingebunden und kann sich
diesen Anforderungen nicht entziehen. Die Gruppe gibt dafür Sicherheit und
ermöglicht das Weiterkommen. Hier lernt der Jugendliche Verhaltensweisen,
die ihm beim Aufbau sozialer Bindungen hilfreich sein können und die auf
Grund einer abenteuerlichen Situation leichter vermittelbar sind.
Höhlenwandern ist Handeln und Erleben in der direkten Aktion.
Daher ist es besonders wichtig, die Erlebnisse und im Zusammenhang mit der
Höhlentour auftauchenden Probleme im Sinne eines Life-in-Space-Interview
direkt zur Sprache zu bringen, um die authentischen Erfahrungsmöglichkeiten
in der abenteuerlichen Situation unmittelbar ganzheitlich zu nutzen. (Back-to-Life-Transfer)
Die Möglichkeit des Rückzugs und des zeitweiligen Alleinseins in
Ruhepausen sind darüber hinaus gute Bedingungen, sich allein oder gemeinsam
zu erinnern bzw. an Kommendes zu denken sowie eigenen Gefühlen nachzugehen,
Erlebnisse, die in unserem hektischen Alltag oft zu kurz kommen.
Das gemeinsame
Erlebnis einer Höhlentour hat Auswirkungen auf die strukturellen und
pädagogischen Gegebenheiten im Alltag, die aufgegriffen werden müssen.
Ohne diese Transfermöglichkeiten wären die erlebnispädagogischen
Erfahrungen reiner Selbstzeck. Vielmehr geht um den Transfer neuer Einsichten,
Erkenntnisse und Verhaltensansätze vom Erlebnisraum Höhle in den
Lebensalltag. Zum Beispiel werden nach Studien demokratische
Meinungsbildungsprozesse, das Anerkennen einer fachlichen Autorität, die
Übernahme von Verantwortung für sich und andere, das Akzeptieren von
Regeln für Jugendliche im Alltag, aber auch die Notwendigkeit, Regeln neu
auszuhandeln, leichter nachvollziehbar.
Die anschließende Reflexion der Erlebnisse im Einzelgespräch bzw. in
reflexiver Gruppenarbeit ist daher unbedingt erforderlich. Dokumentierte
Erlebnisse wie Zeichnungen, Dias, Tagesprotokolle sind hilfreiche methodische
Mittel. In Gruppenbesprechungen lassen sich Themen wie - wie liegen die
Unterschiede zwischen einem Leben in der Höhle und z.B. in der Wohngruppe;
warum bestehen solche Differenzen; Möglichkeiten und Grenzen der
Übertragbarkeit der Höhlenwanderung auf den Alltag, usw. besprechen.
(siehe auch Tipps und
Planung)
Natürlich kann man auch einfach nur so mit Freunden Höhlen durchkriechen ;-)
Quelle: "Erlebnispädagogik in der sozialen Arbeit" - Hans G. Bauer / Arbeitsmaterialien zur Erlebnispädagogik ev. FA für Sozialpädagogik Augsburg - Rolf Reithmeier